#FreiraumNetz19

Fair Use, offene Bildungsressourcen und Datensouveränität

Welche Themen gehören auf die digitale Agenda für eine jugendgerechte und lebenswerte Gesellschaft? Bei #FreiraumNetz19 sind Ideen für eigene Kampagnen und Forderungen an die Politik entstanden. Denn genau darum ging es beim 4. Netzpolitischen Forum vom 28.02-01.03.2019 in Berlin: Die Thesen aus den Vorjahren in konkretes Handeln in den eigenen Organisationen zu übersetzen und aktiv in das Gespräch mit Politiker*innen einzubringen. Dabei erwies sich die Mischung der Teilnehmer*innen als spannend und produktiv: Engagierte aus politischer Bildung, Jugendarbeit und netzpolitischen Organisationen waren gekommen, um bereits Entstandenes weiter zu denken und mit Impulsgeber*innen zu vier Themen konkrete Vorschläge zu entwickeln:

  • Urheberrecht / Fair Use
  • Offene Daten und Ressourcen
  • Bildung für digitale Mündigkeit
  • Informationelle Selbstbestimmung
Workshop Urheberrecht / Fair Use mit John Weitzmann (Wikimedia-Stiftung)

Kreativ und fokussiert – vom Workshop zur Kampagne

2019 ging es nun darum, in einem kreativen Arbeitsprozess Ideen für Kampagnen und politische Forderungen zu entwickeln. Was können wir als zivilgesellschaftliche Akteure in der politischen Jugendbildung und Verbandsarbeit gemeinsam mit anderen bewegen? Was muss Politik tun?

Eingeladen waren diesmal Expertinnen und Experten wie die Bürgerrechtlerin Katharina Nocun, John Weitzmann von der Wikimedia-Stiftung, Corinna Balkow, Referentin bei der Initiative D21, und Lisa Passing von der Open Knowledge Foundation. Gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutierten sie in vier Workshops, wie die bereits formulierten Thesen in konkrete Forderungen übersetzt werden können.

Wir alle haben durch die DSGVO Rechte, unsere Spuren im Netz auch wieder zu verwischen. Daran erinnerte Katharina Nocun in ihrer Key Note und berichtete über ihren langen, mühsamen Weg der Datenabfrage bei Amazon. Sie erläuterte, wie das Unternehmen die Herausgabe der personenbezogenen Daten herauszögert. Unter anderem lieferte das den Impuls für eine Kampagne zur Wahrnehmung der Rechte durch die DSGVO gegenüber Amazon. Dadurch soll zum einen die Sensibilität für den eigenen Klickstream bzw. die eigene Datenspur erhöht werden. Zum anderen soll dadurch geltendes Recht bei einem der größten Internetkonzerne durchgesetzt und deutlich gemacht werden, dass es Kund*innen nicht egal ist, welche Daten über sie gespeichert werden.

Lisa Passing und sebastian Schröder (Open Knowledge Foundation)

So könnte es gehen: Sechs Ideen für unser Engagement

In den vier Workshops entstanden insgesamt sechs sehr konkrete Vorschläge, wie wir selbst als Akteure etwas bewegen können:

  1. Faires Datensiegel: Wenn sich Seiten mit hohen Datenschutz-Standards zertifizieren lassen können, könnten Nutzer*innen ihre Konsumentscheidungen im Internet bewusster treffen. Wäre es ein Weg für Kirche mit eigenen Empfehlungen für „Fair Data“ anzufangen? Was beim Kaffee geklappt hat, könnte doch auch im Netz funktionieren?
  2. #unboxamazon: „Du suchst deine Daten? Amazon speichert sie für dich!“ – eine Kampagne, die eigenen Daten bei großen Internetplattformen abzufragen, würde das Bewusstsein für die Datenspeicherung und -nutzung erhöhen. Und wenn genügend Leute aktiv werden, zeigt das den Unternehmen: Uns ist es nicht egal, was über uns gespeichert wird.
  3. Freie Lizenzen im Jugendverband: Solange das Urheberrecht so ist, wie es ist, können wir zumindest selbst einen Beitrag zu einer kreativen Nutzung von Inhalten leisten, indem wir mehr Inhalte unter freie Lizenzen stellen. Im eigenen Jugendverband wollen die Teilnehmenden dazu mit einem entsprechenden Beschluss den Startschuss setzen.
  4. Open Data und Bundeswehr: Daten können Engagement unterstützen – weil sie Problemlagen und Lösungen sichtbar machen. Konkret ist eine Idee für eine Open Data gestützte Kampagne zur Werbung der Bundeswehr an Schulen entstanden.
  5. Fair Use statt Bildungsschranke: Warum ist Urheberrecht auch ein Thema für die Kinder- und Jugendarbeit? Viele Politiker*innen können sich das vielleicht nicht vorstellen und in den Medien ist dieses Thema kaum präsent. Wir sammeln konkrete Fallbeispiele aus dem Alltag der Kinder- und Jugendarbeit und der Mediennutzung von Jugendlichen – und bieten Medien an, darüber zu berichten.
  6. Open Data im Jugendverband: Welche Daten zur eigenen Arbeit können offen zur Verfügung gestellt werden? Auch daran wird sich nun eine kleine Arbeitsgruppe im Jugendverband versuchen.
Max Lucks (Grüne Jugend) und Paul Gruber (linksjugend)

Zentrale Forderungen an die Politik: Privacy Icons, Fair Use und ÖGÖG

Den Abschluss bildete eine Fishbowl mit vier Politiker*innen – Paul Gruber (linksjugend), Max Lucks (Grüne Jugend), Ria Schröder (Junge Liberale) und Marcin Tomasz Zielinski (Junge Union) – in die die Teilnehmer*innen des Forums vier zentrale Forderungen einbrachten:

  1. Fair Use für gemeinnützige Organisationen
  2. Durchsetzung von Privacy by default
  3. Leicht verständliche Privacy Icons auf Websites
  4. Öffentliches Geld für öffentliche Güter (ÖGÖG)
"Wir müssen Strukturen, Daten und Software öffnen, um Einstieg und Teilhabe von Jugendlichen in netzpolitische Themen niedrigschwellig und fair zu gestalten." Lisa (Open Knowledge Foundation)
"Fairuse doch mal!" Steve (Schlupfwinkel & Lausitzer Bildungsgesellschaft e. V.)
"Ich habe heute viel darüber gelernt, dass große Unternehmen wie Facebook und Amazon riesige Datenmengen von all ihren Benutzern sammeln. Das war mir natürlich vorher schon bewusst, aber das ganze Ausmaß habe ich dann doch unterschätzt. Auch wenn man glaubt, dass man nichts zu verbergen hat, oder langweilig ist, ergibt sich bei der Darstellung der gesammelten Daten doch häufig ein anderes Bild. Ich finde, die Infos, die wir heute erhalten haben, sollten Kinder und Jugendliche bereits ab dem Zeitpunkt lernen, ab dem sie das Internet benutzen. Deshalb sollte es sowohl schulische als auch außerschulische Angebote von Medienerziehung und Medienkompetenz geben“. Marc (Landesverband der Evangelischen Jugend in Hessen)
"Nicht personenbezogene Informationen und Daten, die mit öffentlichen Mitteln gefördert werden, sollen der Öffentlichkeit barrierelos zugänglich sein. Dazu können alle einen Beitrag leisten, die damit zu tun haben. Ohne Gesetzesänderung. Heute.“ Jonathan (Evangelische Jugend)
"Von Jugendlichen wird erwartet, sicher und gerecht im Netz unterwegs zu sein, aber genauso wichtig ist doch, dass die Bedingungen, auf die im Netz gestoßen wird, gerecht sind und dass alle Seiten sich eben dafür einsetzen." Stella (Studentin)
"Ich finde es wichtig, dass wir eine dynamische Digitalpolitik bekommen. Denn die Digitalisierung entwickelt sich kontinuierlich weiter und da bringt es nichts mit Kennzahlen zu arbeiten die in einem halben Jahr eh wieder überfällig sind. Deshalb ist es wichtig, dass das Ganze dynamisiert wird und sich der aktuellen Situation und der aktuellen Lebenswelt der jungen Menschen anpasst." Michael (Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt e.V.)

Das Jugend- und Netzpolitische Forum wird gemeinsam von der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitischen Jugendbildung (et) und der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland (aej) verantwortet. 2018 war das Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) der EKHN der Gastgeber.

Team: Daniela Broda, Arbeitsgemeinschaft der Ev. Jugend in Deutschland (aej), Ingo Dachwitz, netzpolitik.org, Ole Jantschek, Ev. Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et), Annika Gramoll, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Ev. Kirche in Hessen und Nassau (ZGV), Tobias Thiel, Ev. Akademie Sachsen-Anhalt e.V.